Buenos Aires – die wilde Extreme


In einem Artikel las ich einmal, man braucht ein Leben lang, um Buenos Aires zu entdecken, aber nur einen Moment, um verzaubert zu sein. Und genau das bin ich, als das Flugzeug aus den Wolken stürzt, in ein gigantisches Lichtermeer eintaucht und Kurs auf den Flughafen nimmt. Ich spüre die Aufregung und erlebe den Zauber, der Neuem innewohnt. Die unerfüllten Träume, die schrecklichen Nöte, die traurige Armut, der grenzenlose Luxus, die vielen Erinnerungen, die wilden Leidenschaften, sie alle vereinen sich in ihr. In Buenos Aires. Der wilden Extremen.
image Schon bald nach der Landung ist mein Gepäck in einem Kofferraum eines der gelbschwarzen Taxis verstaut und ich sitze thronend auf der Rücksitzbank. Hupend rasen wir durch die dunkle Nacht. Ich habe nur einem Gedanken im Kopf, faszinierend. Eine beeindruckende Kulisse zieht an meinem Fenster vorbei. Eindrucksvoll. Atemberaubend. Ist es dieses Zusammenspiel, dass so viele Europäer nach Argentinien ziehen lässt. Die große, kosmopolitische und gigantische Stadt ruht niemals. Sie vereint das Alte und das Neue, das Nostalgische und das Zeitgenössische zu einer atemberaubenden Architektur. Meisterwerke von der Modernen bis zum Jugendstil prägen ihre verschiedenen Stadtteile – das Straßenleben von San Telmo, oder die historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten von Recoleta. Ich spüre die Leidenschaft, die die zwölf Millionen Menschen, “porteños”, wie die Bewohner von Buenos Aires genannt werden möchten, ausstrahlen. Dann bin ich da. In einer der unzähligen Nebenstraßen, wenige Blocks vom Casa Rosada entfernt, befindet sich mein Hotel. Der Taxifahrer befreit die Koffer und schiebt sie zum Hoteleingang. Ich bedanke mich und schaue den fernen Lichtern hinterher, die in der dunklen Gasse verschwinden. Dann betrete ich das Hotel und checke ein. Wenige Minuten später, genieße ich die Aussicht von dem Balkon. image Zum ersten Mal besuche ich Buenos Aires. Die Metropole, von der so viele träumen. Von der niemand müde wird zu erzählen. In der starke, fast schmerzhafte Kontraste dominieren. Hoch und Niedrig. Neu und Alt. Glamour und Gosse. Dekor und Schmucklosigkeit. Grau und Farbenfreude. Erotik und Romantik. Noble Villen reihen an kühlen Bürotürmen. Riesige Parks mit uralten Bäumen thronen zwischen sechsspurigen Straßen. Kunst versucht sich neu zu kreieren. Buenos Aires, Traum und Verderben.

San-Telmo – Zurück in die 20er Jahre

Mein Hotel befindet sich in einer der unzähligen Gassen in San Telmo, wo sich die Wilde im 17 Jahrhundert, aus jenem “Fluss von Schläfrigkeit und Schlamm”, dem Río de la Plata, erhob, der zuerst die Schiffe der Spanier anspülte, die sie nach der Schutzpatronin der Seefahrer, Heilige Maria des Guten Windes benannten und später die der Einwanderer aus aller Welt. Hier bot sie dem Adel ein Zuhause, bis die verheerende Gelbfieber-Epidemie im Jahr 1871 ihn in die nördlicheren Stadtteile trieb und die zu Massen ins Land strömenden Immigranten die leer stehenden Familienresidenzen zu “normalen” Häusern umbauten. Hier blühte zur selben Zeit in vielen Hinterhofkneipen der Tango auf und erzählte von den Zuständen, von Liebe, Leidenschaft und Lust. Hier lebte die legendäre, aus ärmlichen Verhältnissen stammende, spätere Präsidentengattin Eva Perón, die sich durch ihr soziales Engagement in die Herzen der Argentinier spielte.   image
Hier verzaubert heutzutage ein farbenprächtiger Boheme-Stadtbezirk, mit einer atemberaubenden kolonialen Architektur die Besucher und versetzt sie zurück in die zwanziger Jahre, die man aus alten Filmen zu kennen glaubt. Enge Gassen, mit Kopfsteinpflaster versehen, sind mit unzähligen Cafés und alten, wunderschönen Häusern, mit Stuckfassaden, Erkern und sonnendurchfluteten Patios gesäumt, durch die ich stundenlang schlendern und mir vorstellen könnte, wie hier früher die Ochsenkarren gezogen wurden.  

Plaza de Mayo – das Herz der Wilden

Ihr Prunkstück, der Plaza de Mayo, ist nur einen Steinwurf von San Telmo entfernt, wunderschön und umrandet von der Catedral, dem alten Rathaus (Cabildo) und dem Casa Rosada, dem Präsidentenpalast. image Hier startete 1810 die Revolution, die Argentinien von Spanien befreite. Von hier aus hielt die vergötterte Eva Peron ihre Reden, vor zehntausenden Bürgern. Hier mischte Präsident Sarmiento als Zeichen des Kompromisses, im Jahre 1873, die Farben der beiden tief verfeindeten politischen Lager – Rot und Weiß – zusammen und strich das Gebäude rosa an. Seitdem ist es ein Symbol für die Einheit Argentiniens. Proteste. Reden. Demonstrationen. Auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude ist immer etwas los. Mehr als einmal entschied sich hier das Schicksal der ganzen Nation. Mehr als einmal hielten vom Balkon des Präsidentenpalastes Staatsoberhäupter euphorische Reden. Mehr als einmal wurde hier protestiert. Der Platz mit den schönen Blumenbeeten und Palmen ist ein Symbol für Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit. image

Avenida 9 de Julio – die breiteste Straße der Welt

Buenos Aires ist ständig in Bewegung. Menschen rennen, verharren kurz an Kreuzungen, stehen geduldig Schlange vor Bushaltestellen und Bankschaltern und wuseln durch Gassen. Flitzen U-Bahn Schächte rauf. Flitzen U-Bahn Schächte runter. Unzählige Autos rasen endlose Straßen entlang. Busse quälen sich durch einen Strom von Verkehr und das alles auf der breitesten Straße der Welt. Die Av. 9 de Julio, erinnert mit ihrem Namen an den Unabhängigkeitstag von Argentinien. Für 140m Breite und 20 Fahrspuren wurde extra eine ganze Häuserzeile abgerissen. Als ich sie überqueren möchte, um von einer Straßenseite zur anderen gelangen, muss ich 16 Spuren überwinden. Es ist fast unmöglich während nur einer Grünphase hinüberzukommen und so warte ich auf einer der Verkehrsinseln, bis es weitergeht. In der Mitte der Avenida thront der 67 m hohe Obelisk, ihr Wahrzeichen. An seiner Stelle wurde das erste Mal die argentinische Flagge gehisst. Hier versammeln sich die Porteños, wenn die Fußballnationalmannschaft ein wichtiges Spiel hat, und bringen den Verkehr zum Erliegen. Momentan liegt nichts, und die Avenida ist wie meistens stark befahren. Unzählige Autos befahren die Straße, wild und schnell, wie die Fahrweise der meisten Argentinier, ruht das Temperament nie. image

Das Nachtleben in einem Meer aus Lichtern

Mit ihrem Nachtmantel aus unzähligen Lichtern strahlt sie Schönheit und Verdorbenheit aus und man wünscht sich nur eins: Ihr zu gehören, einzutauchen und die Nacht erleben zu dürfen. Ihr unstillbares Verlangen nach Leben zieht einen magisch an, und bevor man es sich versieht, ist man ihr ausgeliefert. Wie verzaubert schlendert man durch die Straßen, die mit schicken Cafés, Bars und Restaurants übersät sind. Man flaniert mit unzähligen anderen, in Lokalen oder Parillas, den typischen Steakhäusern, wo es Fleisch in allen möglichen Varianten auf einem riesigen Holzkohlegrill gegrillt gibt, dem Paradies für Fleischliebhaber, dem Grauen für Vegetarier, bis Mitternacht, um dann in angesagte Klubs, oder in eine Milonga zu gehen, wie die Tangolokale hier heißen. Man tanzt bis drei Uhr morgens, trinkt nur mäßige Mengen an Alkohol, denn betrunken sind die Argentinier nur selten, nimmt ein zeitiges Frühstück, ein wenig Schlaf, und stürzt sich in den nächsten Tag. image Aber während die einen ausgelassen in Klubs tanzen, sammeln die anderen Pappe und Papier, dass sie für ein paar Centavos verhökern können. Als ich zum Hotel schlendere, kommt mir die Handvoll Menschen entgegen, die mit Karren beladen durch die Straßen ziehen, im Müll wühlen und sich die Kapuze tief ins Gesicht ziehen. Es sind die Cartoñeros, Pappsammler. Sie sammeln nachts Pappe und Papier aus dem Müll in den Straßen. Als Argentinien 2001 in eine Finanzkrise stürzte, landeten viele Menschen der Mittelschicht und der Arbeiterklasse in der Armut. Ohne funktionierendes Sozialsystem mussten sie einen Plan entwickeln, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Nun verdienen sie ihren Lebensunterhalt mit dem Durchsuchen der Plastiksäcke, die abends vor die Türen gestellt werden. Glamour und Gosse, nebeneinander, zur selben Zeit in derselben Straße.  

Recoleta, eine Ansammlung von kulturellen Sehenswürdigkeiten

Eine ihrer Besonderheiten ist der Recoleta Friedhof, eine kleine Stadt innerhalb der Stadt, mit unvergesslichen Erinnerungen. Er ist die letzte Ruhestätte von vielen Prominenten und gut Betuchten. Manche Grabstätten sind kleine Kunstwerke, andere sind Mausoleen, die reiche Familien für ihre verstorbenen Angehörigen errichteten. Die bekannteste Person, die dort ihre letzte Ruhe gefunden hat, ist Eva Peron. Das einzige Grab, an dem täglich frische Blumen liegen. image Als 16-Jährige kam, die aus armen Verhältnis stammende, Eva Duarte nach Buenos Aires, um ihren Traum zu verwirklichen und Schauspielerin zu werden. Anfangs hielt sie sich mit kleinen Rollen über Wasser, bis sie die Bekanntschaft mit Emilio Kartulovic machte, dem Herausgeber der populären Zeitschrift “Sintonia”, der ihrer Laufbahn den entscheidenden Schub verpasste. Sie landete auf der Titelseite seines Magazins, und wurde kurze Zeit später Sprecherin bei den bekannten Radiosendern. Am 4. Juni 1943 übernahm das Militär die Macht und stellte alle Radioprogramme unter Kontrolle. So lernte Eva ihre große Liebe kennen, den Offizier Peron, der den Posten eines Ministers für Arbeit bekleidete. Die beiden waren füreinander geschaffen. Er verschaffte ihr große Spielfilmrollen, bei einer blondierte sie sich ihre dunklen Haare, was ihr so gut gefiel, dass sie für den Rest ihres Lebens gefärbte Haare trug. Aber dann verhaftete das Militär ihren Juan Peron, aufgrund seines großen Einflusses auf die einfachen Arbeiter. Eva mobilisierte eine Demonstration. Hunderttausende strömten auf den Plaza de Mayo. Fabrikarbeiter. Lkw-Fahrer. Hausfrauen. Kleinbauern. Arbeitslose. Die Militärs gaben nach und ließen ihn frei. Kurz darauf heiratete Peron seine mutige Geliebte und wurde vier Monate später mit knapper Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Nun widmete sich Evita voller Eifer der Politik, setzte das Frauenwahlrecht durch, kämpfte für die Emanzipation der Frauen und kümmerte sich um die Ärmsten im Land. Sie wurde verehrt und vergöttert, und pompös zu Grabe getragen, als sie im Alter von 30 Jahren an Krebs starb. Noch heute wird sie als Heldin verehrt. image

Das moderne Puerto Madero

Modern und Atemberaubend zeigt sich Buenos Aires am Hafen in Puerto Madero, dem jüngsten Viertel. Ähnlich den Häfen in anderen großen Städten wurde auch hier umfunktioniert. Schiffe gibt es fast keine mehr. Dafür aber Sportboote, eine Vielzahl beeindruckender Wolkenkratzer, trendiger Bars und Restaurants, die den Besuchern einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und den Rio de la Plata ermöglichen. image Es ist mitten im Juli aber hier herrscht Winter, weil das Land auf der Südhalbkugel liegt. An jeder Ecke stehen Menschen in dicken Manteln gehüllt und schlürfen den bekannten Mate Tee. Das Nationalgetränk wird aus ausgehöhlten und kunstvoll verzierten Kürbissen zu sich genommen und zählt als argentinische Tradition. Es ist mehr, als einen Aufguss aus den unfermentierten Blättern des Matestrauches aufzunehmen. Mate trinkt man nicht allein. Mate teilt man. So haben viele Argentinier immer die nötigen Utensilien dabei, um einen Tee zu brauen: Die meist faustgroße Kalabasse (mate), den Mate-Tee (yerba mate), ein silbernes, 20cm-langes Saugrohr (bombilla) mit einem kleinen Sieb am unteren Ende und eine Thermoskanne mit heißem Wasser. image  

Palermo – schick und elegant

In Palermo gewährt Buenos Aires einen Eindruck in die Heimat des berühmtesten Schriftstellers von Argentinien: Jorge Luis Borges. Behütet wuchs er in einem Haus mit Garten auf – während draußen das Gesetz des Messers galt. Die Gassen waren von einfachen Leuten überflutet. Ochsenkarren polterten über das Kopfsteinpflaster. Finstere Gestalten mit Narbengesichtern trieben sich in Schenken herum und lungerten in dunklen Hauseingängen. Das damals getragene Gewand verwandelte sich in ungewöhnliche Kunstwerke, die an Hausfassaden thronen, in unaussprechliche Straßennamen, in Mustern, dass die Schatten der Bäume auf den Asphalt malen und in Hundeausführern, die mit einem zehnköpfigen Rudel an der Leine (vom Pudel bis zum Labrador) die Straßen entlangeilen. In Designer-Geschäfte und Boutiquen, die an zahllosen Cafés und Restaurants reihen, die ihre Bestuhlung auf den Gehwegen und rund um die Straßenkreuzungen aufstellen. In Straßen, die zwischen der Plazuela Cortázar (benannt nach dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar) und der PlazaItalia zum Entdecken geschaffen sind. Und in den Straßen Serrano, Borges und Costa Rica, die mit unscheinbaren Verbindungsgassen, mit bunten Graffitis an den Wänden faszinieren. image

Das bunte La Boca

In La Boca zeigt sich Buenos Aires von der fröhlichsten Seite. Italienische Immigranten bauten dieses Stadtteil am Riachuelo, einen gewundenen Kanal entlang, an dessen Ufern Lager und Fabriken lagen. Das Herzstück bildet “El Caminito”, eine kleine Gasse mit Häusern, in bunten Farben gestrichen, in der sich viele Künstler tummeln. Hier verzaubert sie mit ihrem Flair, dass man sich wohlfühlen muss und in einem der unzähligen Cafés, dem Tango tanzenden Pärchen zuschaut und die Leidenschaft spürt. Unmittelbar wird einem klar, dass man nach Buenos Aires zurückkehren muss. Um Tango zu tanzen und stundenlang durch die Straßen von San Telmo und Palermo zu streifen und zu fotografieren. image

Fazit: Wie Paris den Eiffelturm und Rom das Kolosseum als Wahrzeichen haben, so ist Buenos Aires – Tango, – wild und voller Leidenschaft. Die Stadt ist, wie das Leben sein sollte: verrückt, wild und wunderbar.